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  • Ina

Raum für Trauer

Ich habe mit mir gerungen. Und ich habe die Wahl getroffen, mich erneut aus Altem zu erheben und gleichzeitig die Welt anderer zu respektieren. Ob es mir gelingt, weiß ich nicht. Und ich versuche es.


Während und vor allem nach einem Telefonat durfte ich erfahren und über mich lernen, dass ich mit ihm meine Trauer fließen, sie loslassen kann. Dass ich den Schmerz fühlen und Tränen weinen kann. Es scheint fast so, als würde ich ihn aktuell „brauchen“, um meiner Trauer freien Lauf zu lassen. Allein scheint mir das gerade nicht zu gelingen oder zumindest nicht in dem Ausmaß, dass es mir Erleichterung verschafft. Er scheint für mich wie ein Ventil zu sein.


Das ist keine schöne Erkenntnis. Sie zeigt mir nicht nur die Beschaffenheit meiner Co-Abhängigkeit, sondern beraubt mich auch meiner emotionalen Selbstbestimmtheit. Und – für mich die bislang schmerzhafteste Erkenntnis – ich scheine für mich selbst noch nicht der sichere Ort zu sein, den ich brauche, um loszulassen... um mir meine Trauer zu erlauben.


Er scheint nach wie vor, trotz und mit allem, was passiert ist, mein sicherer Ort zu sein, der Ort, an dem ich mich zeigen kann, darf und will… was ich mit mir allein und aktuell auch mit anderen nicht schaffe. Das ist hart. Und tut gleich nochmal eine Ecke mehr weh.


Warum habe ich ihm das mitgeteilt? Weil es für mich Entwicklung bedeutet, mich hier zu zeigen und für mich einzustehen. Sozusagen Selbstbestimmung inmitten der Fremdbestimmung. Ich habe noch niemals zuvor offen, ehrlich und verletzlich geteilt, dass ich mich abhängig fühle, dass ich einen anderen Menschen brauche, weil ich selbst gerade etwas nicht kann bzw. noch nicht kann. Und ich habe mich noch nie so vorne ran gestellt.


Bisher hat mich die Angst zurückgehalten, dass ein Auf-ihn-zugehen bei ihm etwas auslösen könnte, was einen möglichen Neustart einer gesunden Verbindung zwischen uns vereiteln könnte. Ich hatte Angst, dass mein Öffnen ihm suggerieren könnte, dass er seinen Weg in Bezug auf mich und unsere Verbindung nicht mehr gehen müsste, weil ich ja noch da bin und sogar auf ihn zugehe. Dass es eine Form von destruktivem Stillstand und oder auf meiner Entwicklung ausruhen erzeugen könnte. Gleichzeitig hatte ich die Angst, dass ich zu schnell, zu weit, zu viel bin… dass ich eine Last sein könnte, dass er das nicht hören/lesen/sehen will, dass er ja seine Zeit für sich braucht etc.


Kurz – ich habe seine eventuellen Bedürfnisse und die eventuellen Parameter einer neuen gesunden Verbindung in der Zukunft über meine eigenen Bedürfnisse im Hier und Jetzt gestellt, aus Angst, ich wäre nicht richtig und ich könnte etwas kaputt machen.


Damit ist jetzt Schluss. Wenn mein Auf-ihn-zugehen, mein Ich-brauche-ihn, um…, weil-ich-da-einfach-noch-nicht-bin (was vollkommen ok ist) dazu bringen sollte, irgendetwas hineinzuinterpretieren, was nicht ist. Er sich in irgendeiner Form wieder beginnt zurückzulehnen und auf mir auszuruhen oder es ihm vermitteln, dass doch alles nur halb so schlimm ist, dann ist das so und ich darf für mich wählen, ob und wie ich damit umgehen möchte. Dasselbe gilt für den eventuellen Einfluss auf unsere Verbindung. Wenn meine Sichtbarkeit in meiner Verletzlichkeit das Gesunden und Wiedererstarken der Verbindung zwischen uns gefährdet, was ist das dann für eine Verbindung?

So weit, so gut… wenn da nicht auch noch mein Ego ein Wörtchen mitzureden hätte. Das zischt mir die ganze Zeit ins Ohr:

„Ach von wegen Du kannst Deine Trauer nicht ohne ihn fließen lassen. Du kannst doch bloß nicht loslassen und redest Dir ein, ihn zu brauchen, damit Du einen Grund hast, Dich bei ihm zu melden. Mach Dir doch nichts vor!“

Ruuuuumps, auch das sitzt. Denn ich weiß es schlichtweg nicht. Diese Möglichkeit steht ebenfalls im Raum, die ich weder bejahen noch komplett von mir weisen kann.

So, das waren und sind Vorgänge, Überlegungen und Prozesse, die in mir ablaufen. Ich weiß schlichtweg nicht, was mir dienlich ist und was nicht. Und der einzige Weg, das für mich herauszufinden, ist, es auszuprobieren.


Zusammengefasst – Ich habe immer noch Angst, irgendetwas falsch und die Lage für mich dadurch noch schwieriger und schmerzhafter zu machen, als sie eh schon ist. Ich weiß nicht, ob ich nur nicht loslassen kann oder er tatsächlich der Mensch ist, der für mich so tiefe Sicherheit bedeutet, dass ich mit ihm meine Trauer fließen lassen und bewältigen kann. Ich weiß nicht, ob das, was ich hier tue, mir dienlich ist, UND ich mache es mit all der Angst, Unsicherheit, Zweifel und Scheiße, die gerade so präsent sind.


 

Also habe ich ihn, so schwer es mir auch gefallen ist, um Raum für mich gebeten. Ich habe klar kommuniziert, dass ich mir wünsche, dass er mich dabei unterstützt meine Trauer fließen zu lassen. Wie auch immer das aussehen mag und ohne Gewähr, dass es funktioniert. Und dass ich es zumindest versuchen möchte. Auch habe ich ihm mitgeteilt, dass mir bewusst ist, dass er gerade seine eigenen Prozesse hat, er seinen Raum und seine Zeit braucht. Und ich ihn trotzdem darum  bitte. Denn es ist nicht meine Aufgabe für ihn die Verantwortung zu übernehmen. Auch ist mir bewusst, dass wenn ich ihn um Raum bitte, er das natürlich seinerseits ablehnen kann. Und auch, dass das erneuten Schmerz verursachen würde. Es deshalb aber nicht einmal zu versuchen, bedeutet nicht nur mich, sondern auch ihn, um Wachstum zu bringen, und das hilft keine*r/m.


SPOILER

Wir haben gesprochen, er hat mir den Raum geschenkt, um den ich ihn gebeten hatte UND es hat nicht funktioniert. Ich konnte auf diese Weise meine Trauer ebenso wenig fließen lassen wie ohne ihn, allein, nur mit mir und oder anderen. Und ich habe es wenigstens versucht.


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