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  • Ina

Von Tochter zu Mutter

Mama,

ich weiß nicht, ob Dich diese Zeilen jemals erreichen werden, und das hält mich nicht davon ab, sie zu schreiben. Das, was ich zu sagen habe, fällt mir unglaublich schwer und ist gleichzeitig so unbeschreiblich wichtig. Wichtig für mich. Wichtig für uns. Wichtig für unsere und vielleicht sogar die gesamte Geschichte. Es ist die Gelegenheit auf ein gesundes, lichtvolles Wir. Eine Gesundung der Mutter-Tochter-Verbindung, die in unserer und in vielen anderen Linien schon über viele Generationen hinweg krankt.


So lange drücke ich mich schon davor. So lange bin ich davor zurückgeschreckt, habe mich hintenangestellt und mich versteckt. Ich habe unbeschreibliche Angst meine Wahrheit, vielleicht sogar unser aller Wahrheit zu sprechen. Und ich spüre, dass es an der Zeit ist.


Mama, ich habe nicht darum gebeten geboren zu werden.

Es war Deine Wahl, aus welchen Gründen auch immer, ein Kind zu empfangen und auf diese Welt zu bringen. Dass diese Erfahrung für Dich scheinbar nicht das barg, was Du Dir gewünscht und oder erhofft hast, liegt nicht an mir. Ich kann und will nicht länger die Verantwortung für etwas tragen, was nichts mit mir zu tun hat.


Ich bin nicht verantwortlich für das, was in Deinen Leben schief oder anders gelaufen ist, als Du es Dir gewünscht hast. Auch bin ich nicht dafür verantwortlich, dass Dein Leben mitunter beschwerlich war und ist. Und ich bin nicht für das Scheitern Deiner Ehe verantwortlich. Das hat nichts mit mir und meiner Existenz zu tun. Das ist allein Deine und Papas Verantwortung. Nicht meine.


Ich bin keine Last, keine Klette, keine Enttäuschung und kein Reinfall.

Ich bin nicht anstrengend, empfindlich, zu sensibel oder nachtragend.

Ich habe nichts falsch gemacht, ich habe nicht versagt noch bin ich gescheitert.

Und ich bin kein Grund für Zweifel, Ärger, Ängste, Trauer oder Scham.


Ich bin ein wundervoller Mensch, ein Mensch voller Wunder. Ein Mensch mit unglaublich vielen Gaben, Talenten und noch mehr Licht. Ich bringe Menschen und die gesamte Welt zum Strahlen. Ich bin mutig, tapfer, intelligent, weise, tiefsinnig, liebevoll, liebenswert, würdevoll, achtsam, bewusst, stark, kraftvoll, sanft, zart und wunderschön. Und ich bin eigensinnig, schwach, hochmütig, voreingenommen, blind und manchmal auch gehässig. Ich bin so vieles und noch mehr. Ich bin alles. Ich bin ein Wunder.


Wenn Du das nicht zu erkennen vermagst, ist auch das Deine Wahl und hat nichts mit mir zu tun. Ich sehe mich. Endlich sehe ich mich, wie ich wirklich bin. Und das macht mich so, so glücklich, erfüllt mich mit inniger Freude und tiefem Frieden.


Endlich habe ich den Punkt erreicht, an dem ich Dich nicht mehr brauche. Ich brauche Deine Anerkennung, Deine Wertschätzung, Deinen Respekt und Deine Liebe nicht mehr.

Ja, ich wünsche sie mir nach wie vor. Und ich brauche sie nicht mehr. Ich kämpfe nicht mehr um Dich, Deine Liebe und Anerkennung.


Ich lasse Dich los. Ich lasse alles los, was ich mir je von Dir gewünscht habe.

Ich lasse alles los, was ich je von Dir erwartet habe.

Ich lasse den Versuch los etwas von Dir einzufordern.

Ich lasse den Versuch los, mir Dich zu verdienen bzw. es Dir wert zu sein.

Und ich lasse los, Dich anzuflehen.

Ich gebe Dich frei.


Du bist frei, Mama. Du bist nicht mehr für mich verantwortlich. Ich bin erwachsen und erwach(s)e täglich mehr. Ich sorge für mich selbst. Ich übernehme die volle Verantwortung für mich, mein Sein, mein Handeln und Wirken.


Ich übernehme die Verantwortung für meine Wahl(en).

Und um hier für Klarheit zu sorgen. Wenn ich Dich um Hilfe bitte, ist das meine Wahl. Es ist meine Wahl Dich zu bitten, statt eines anderen Menschen. Nicht, weil Du meine Mutter bist, sondern weil Du ein Mensch bist, den ich liebe. Ich bitte Dich als Mensch um Hilfe, nicht mehr als Tochter, für die Du verantwortlich bist. Und wenn ich um Hilfe bitte, bitte ich auf Augenhöhe um Hilfe. Nicht mehr und nicht weniger. Ich bitte um Hilfe, ich empfange Hilfe, ich nehme Hilfe an und ich helfe. All das und noch mehr macht mich als Mensch aus.


Und als Mensch spreche ich zu Dir. Als Mensch und als Frau. Als Frau, die ihren Wert kennt. Ich verdiene Respekt, ich verdiene Wertschätzung und ich verdiene Achtung. Ich verdiene Klarheit, Integrität und Ehrlichkeit. Von allen, die das Privileg haben mich in ihrem Leben zu wissen. Auch von Dir. Ich verdiene einen respektvollen und wertschätzenden Umgang und Sprache, nicht nur in meinem Beisein, sondern vor allem auch in meiner Abwesenheit.


An dieser Stelle möchte ich etwas wichtiges klarstellen - es geht nicht um Dich.

Es geht nicht immer alles um Dich, noch hat immer alles mit Dir zu tun oder stellt für Dich eine Gelegenheit dar, es auf Dich zu beziehen. Auch ich nehme Raum ein, habe Wert und führe eine wichtige Existenz. Ich bin hier. Und deshalb finde ich hier und jetzt klare Worte – für MICH.


Mama, ich liebe Dich. Ich liebe Dich. Einfach so. Bedingungslos. Nicht, weil Du meine Mama bist, Du ein besonderer Mensch bist oder irgendetwas getan, geleistet oder vollbracht hast, noch etwas Spezielles verkörperst. Ich liebe Dich, weil ich wähle Dich zu lieben. Einfach dafür, dass Du bist, dass es Dich gibt und Du in meinem Leben bist. Mehr nicht. Und das ist genug. Du bist genug. Du musst mir nichts beweisen, Du bist mir nichts schuldig und Du bist nicht mehr für mich verantwortlich. Nicht im Hier und Jetzt.


Du warst jedoch für mich verantwortlich.


Ja, ich habe dieses Leben gewählt. Ich habe Dich als meine Mama erwählt. Das ist meine Verantwortung für mich und mein Geschenk an Dich. Ab dem Moment, an dem ich Deine Körperin bewohnt habe, warst Du für mich verantwortlich. Schlicht und ergreifend, weil wir, als die wundervollen Seelen, die wir sind, wenn wir wieder zurück auf diese wunderschöne Erde kommen, wieder von vorne anfangen. Wir dürfen alles neu erlernen, erleben und erfahren, da wir als kleine, unselbstständige, bedürftige und maximal abhängige kleine Fleischklöpschen auf diese Welt kommen. Und dafür brauchen wir unsere Eltern. Unsere Urfamilie, die uns alles beibringt, von der wir lernen, die wir kopieren, ihnen alles nachmachen und die wir in ihrem Umgang und Erleben erfahren dürfen. Wir sind die Symbiose und zeitgleich die Erweiterung und Weiterentwicklung unserer Eltern. Wir tragen alles in uns, was auch unsere Eltern in sich tragen. Wir tragen alle unerledigten Aufgaben und offenen Punkte, die Wunden, Verletzungen und Narben, die Zweifel, Ängste und Unzulänglichkeiten in uns. Wir übernehmen die Fehler, Muster und Marotten… wir tragen und übernehmen alles, was bereits da ist. Auch das bereits vorhandene Licht, die Erfahrungen und die Weisheit. Eben alles und erweitern dieses Gesamtpaket um unser ureigenes Licht, unsere Gaben, Fähigkeiten, Talente und unsere eigene Aufgabe auf Erden. Kurzum sind Kinder das Sammelsurium all dessen, was war, verkörpern schiere Expansion, um das, was ist und ebnen den Weg für alles, was noch kommen wird. All das bin ich für Dich, Papa, meine Großeltern, für unsere gesamte Ahn*innenlinie, für mich und alle, die auf mich folgen mögen.


Ein Wunder inmitten unzähliger Wunder.

Und als dieses Wunder, das ich bin, als Kind der Wunder, die Du und Papa seid, möchte ich Euch sagen, ich hätte Euch gebraucht. Ich habe Euch gebraucht. Und ich habe Euch deutlich mehr gebraucht, als Euch scheinbar bewusst war und oder Ihr mir habt geben können oder wollen. Als Dir bewusst war und oder Du mir hast geben können oder wollen.


Mama, ich habe Dich gebraucht.


Mama, ich habe Dich mehr gebraucht, als Du mir hast geben können und oder wollen. Das ist kein Vorwurf. Das ist einfach. Und gleichzeitig lag es in Deiner Verantwortung. Da Dir scheinbar nicht bewusst war, was ich wirklich brauche, möchte ich das hiermit nachholen.


Ich habe eine Mutter gebraucht, die mich liebt und mich hält, wenn ich leide.

Ich habe eine Mutter gebraucht, die mich liebt und mich hält, wenn ich trauere.

Ich habe eine Mutter gebraucht, die mich liebt und mich hält, wenn ich wüte.

Ich habe eine Mutter gebraucht, die mich liebt und mich hält, wenn ich mich schäme.

Ich habe eine Mutter gebraucht, die mich liebt und mich hält, wenn ich mich ängstige.

Ich habe eine Mutter gebraucht, die mich liebt und mich hält, wenn ich fühle, gerade weil ich fühle.

Ich habe eine Mutter gebraucht, die mich liebt, hält und mich ermutigt, wenn ich zweifle.

Ich habe eine Mutter gebraucht, die mich liebt, hält und mir zuspricht, wenn ich versage.

Ich habe eine Mutter gebraucht, die mich liebt, hält und mir hoch hilft, wenn ich falle.

Ich habe eine Mutter gebraucht, die mich liebt, hält und mich aufbaut, wenn ich scheitere.

Ich habe Liebe, Halt, Ermutigung, Zuspruch, Hilfe und Aufbau gebraucht.

Ich habe eine Mutter gebraucht.


Eine Mutter, die mich liebt, wie ich bin.

Eine Mutter, die mich um meiner Selbstwillen liebt.

Eine Mutter, die mich lieben will.

Eine Mutter, die wählt, mich zu lieben.

Frei, bedingungslos und aus ihr selbst heraus.

Und ich habe Schutz gebraucht.


Ich habe eine Mutter gebraucht, die mich beschützt.

Eine Mutter, die für mich einsteht.

Eine Mutter, die sich vor mich stellt.

Eine Mutter, die Unheil von mir fernhält.

Eine Mutter, die mich hält, tröstet und für mich da ist, sollte sie das Unheil nicht von mir fernhalten können.

All das und noch mehr habe ich gebraucht und nichts weniger stand und steht mir zu. Steht jedem Kind zu. Und das ist es, was ich meinen Kindern schenken werde. Ich werde alles geben, was ich vermag. Ich werde meine Kinder so bedingungslos wie mir möglich lieben, für das, was sie sind – pure Wunder! Ich werde meine Kinder behüten, beschützen, halten und trösten. Ich werde für meine Kinder hier sein, ich werde meine Kinder ermutigen, ihnen zusprechen, helfen und sie aufbauen, bestärken, bekräftigen und unterstützen. Ich werde ihnen Raum ermöglichen. Raum sich frei zu bewegen, sich frei zu entfalten und frei zu wählen, wer, was und wie sie sein, leben, handeln, wirken und lieben wollen. All das und noch mehr haben meine Kinder verdient, habe ich verdient, hast Du verdient, Mama. All das haben wir alle verdient.


Ich liebe Dich, Mama.

Ich liebe mich.

Ich liebe meine Kinder, die, die bereits sind und alle, die noch kommen werden.

Ich liebe uns alle.

Ich liebe.


Und Liebe liebt. Frei, wild und bedingungslos. Alles.

Ahé

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