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  • Ina

Laute Stille

Ein durchwachsener Morgen. Wolken ziehen über den Horizont. Hier und da blitzt etwas blauer Himmel hervor. Grillen zirpen. Immer wieder ist das Krähen der Hähne, das Gackern der Hühner und das Mähen der Schafe zu hören. Vogelgezwitscher. Bergidylle pur auf über 1400 Metern. Wunderschön.


Ich befinde mich gerade im Paradies, umgeben von Bergen und Wäldern, von rauschenden Bächen und springenden Quellen, von der Natur selbst und ihrer ganz eigenen Stille. Abseits von hupenden Autos, stinkenden Abgasen und dem hektischen Treiben einer Stadt. Ich bin hier und doch ganz woanders. Es ist, als würde das Rad noch nachschwingen, noch nicht zum Stillstand kommen wollen. Der Lärm dröhnt nach wie vor in meinem Kopf und das Gefühl der Rastlosigkeit und Überforderung möchte nicht von mir abfallen. Kein Wunder. Nach Jahren, Jahrzehnten auf der Überholspur, des zu schnell, zu weit, zu viel, zu sehr, zu alles sind Langsamkeit, Ruhe und Stille lauter und vor allem furchteinflößender als alles bisher Gekannte.


"Es ist, als würde das Rad noch nachschwingen, noch nicht zum Stillstand kommen wollen."

Ich stehe still, wirklich still. Zum allerersten Mal. Und das macht mir eine Höllenangst. Der Drang etwas tun zu wollen, etwas tun zu müssen ist überwältigend. So lange habe ich auf dem offenen Meer getrieben, bin geschwommen und gepaddelt, habe mich abgestrampelt, habe mit Händen und Füßen darum gerungen meinen Kopf über Wasser zu halten, all meine Energie ins Überleben gesteckt… um jetzt einzutauchen, unterzutauchen, unterzugehen. Ich lasse los. Ich kämpfe nicht mehr. Ich mag nicht mehr. Ich möchte mich hingeben und frei sein. Ich möchte endlich leben. Und dafür darf ich sterben.


"Ich möchte endlich leben. Und dafür darf ich sterben."

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