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  • Ina

Liebe.

Liebe vergeht nicht einfach. Egal wie viel Hass, Zorn und Verachtung bestehen, sie koexistiert. Sie ist um einiges stärker, so viel größer und um ein Vielfaches mächtiger. So schrecklich schön.


Ich darf gerade lernen, dass es so viel leichter ist in den Hass, in den Zorn zu gehen. Egal wie berechtigt sie auch sein mögen. Zorn gibt mir Antrieb, ermächtigt mich auf eine gewisse Art und lässt mich brennen. Lodern. Durch ihn fühle ich mich stark, erhaben und gleichzeitig suggeriert er mir irgendeine Form von Kontrolle, die reine Illusion ist. Hass wiederum lässt einfach nur alles erstarren... Hass ist feige, Hass ist eine Flucht. Eine Flucht vor dem, was wirklich da ist.


Schmerz.

In der Liebe zu bleiben ist so viel schwerer. Denn mit ihr kommt der Schmerz - mit voller Wucht. Die Trauer, die Verletzung, die Fassungslosigkeit und der Verrat. Aber auch das Vermissen, der Verlust, die Sehnsucht, das sich-getrennt-, sich-abgeschnitten, das sich-verlassen-Fühlen. Ich spüre das Fehlen der Verbundenheit, des Vertrauens und der Innigkeit wie den Verlust eines Organs. Mir fehlt buchstäblich mein Herz. Denn ich habe es verschenkt. Und das birgt immer ein Risiko. Ein Risiko, das ich achtsam und bewusst eingegangen bin.


Ich habe alles auf eine Karte gesetzt... und habe verloren.

Ja, das Spiel des Lebens kann hart und grausam sein. Und es kann verdammt wehtun. Aber nur wer alles zu verlieren hat, kann auch alles gewinnen. Also habe ich meinen Einsatz gewählt. Ich habe gewählt zu lieben. Nichts und niemensch hat mich dazu gezwungen oder dazu gebracht. Weder haben mir meine Hormone etwas vorgegaukelt, noch habe ich mich von leeren Versprechungen, Oberflächlichkeiten oder Äußerlichkeiten blenden lassen. Nein, ich habe frei gewählt mich zu öffnen, alle Schutzpanzer und Mauern fallen zu lassen und all-in zu gehen.


Ich habe frei gewählt zu lieben - mit allem, was mich ausmacht und was dazugehört.

Dass ich an diesem Punkt in meinem Leben angelangt bin, an dem ich das wahrhaftig vermag, erfüllt mich mit ehrlichem Stolz, großer Dankbarkeit und tiefer Demut. Denn hier und jetzt, genau in diesem Moment, kann ich fühlen, wie sehr ich diesen Menschen immer noch liebe. Trotz allem, was vorgefallen ist, trotz all dem Zorn und der Verachtung, die ich ebenfalls empfinde, leuchtet sie heller und vertreibt mit ihrem Licht die Dunkelheit. Mit ihrer Hilfe kann ich spüren, dass ich mir nach wie vor nur das Beste für ihn wünsche. Ich möchte, dass es ihm gut geht, er heil, glücklich, wohlauf und zufrieden ist. Dass er eine Richtung im Leben, seinen Weg und sich selbst findet. Ich wünsche mir ein Leben in Fülle für ihn, voller Leichtigkeit und Glückseligkeit, in Liebe und Frieden. Unabhängig davon, ob ich ein Teil davon bin, oder nicht. Vor allem aber wünsche ich mir, dass er aufwacht... und zwar um seinetwillen.


Denn dort, wo er sich aktuell befindet, ist kein schöner Ort. Vor allem nicht für ihn.

Dieses Empfinden ist erstmalig und bisher einzigartig für mich. Das mag sich jetzt vielleicht hart lesen... und ist schlichtweg ehrlich. Bisher hatte ich immer den einfachen Weg gewählt. Ich bin in den Hass bzw. den Zorn gegangen, habe die Opferkarte ausgespielt, den Schmerz projiziert und weitestgehend verdrängt. Die einzige Ausnahme stellt eine kurze, intensive und tiefgehende Begegnung im Frühling 2020 dar, ist jedoch nicht zu vergleichen. Denn das, was ich zum damaligen Zeitpunkt empfunden habe, mag zwar intensiv gewesen sein, hat aber mit dem, was ich heute mit Liebe verbinde, wie ich sie wahrnehme und empfinde, nicht viel zu tun. Für mich kommt das, was ich aktuell fühle, so nah an bedingungslose Liebe heran, wie es mir auf dieser Stufe möglich ist. Das ist einzigartig, wunderschön, zutiefst beängstigend und vor allem todtraurig. Der Preis dafür, alles gegeben zu haben und erkennen zu müssen, dass der andere sich nicht nur nicht für diesen Weg entschieden hat, sondern mein Geschenk weder zu schätzen, noch zu würdigen weiß. Mich nicht zu würdigen weiß. Das tut unbeschreiblich weh.


Hier und heute weiß ich nicht, ob ich ihm vergeben will. Dass ich es kann, steht außer Frage. Ich kann alles. Nur sind aktuell die Verletzung noch zu groß, der Schmerz zu nah, die Wunde(n) zu tief, um mich frei genug zu fühlen diesen großen Schritt zu gehen. Gerade ist noch alles eng, steif, verspannt und voller Pein, sowohl körperlich, als auch emotional. Und auch das wird vergehen. Wenn ich etwas über mich gelernt habe, dann dass ich ein mich ständig wandelnder Prozess bin. Lebendige Veränderung. Verkörperter Wandel. Es bleibt also spannend dieses Leben, mit all seinen Irrungen und Wirrungen, den Wundern und der Magie.


Ich lebe. Danke.

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