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  • Ina

Selbst- und Fremdbild

Was, wenn du realisierst, dass du noch nicht dort angekommen bist, wo du dachtest zu sein?

Was, wenn du dir selbst etwas vorgemacht hast?

Was, wenn all die Arbeit gefühlt fürn Arsch war?

Richtig, du rufst deine Freund*innen an, kotzt dich aus, weinst, machst dich komplett nackig, lässt dich fallen…. und wirst aufgefangen. Hoffentlich.


Auf jeder Ebene, jedem neuen Level des Spiels des Lebens, sind wir vermeintlich mit demselben Scheiß konfrontiert. Aber eben nur vermeintlich. Gerade wurde mir dankenswerterweise wieder einmal der Spiegel vorgehalten. Ein Spiegel, den ich mir leider nicht selbst vorhalten kann – meine Wirkung nach außen, meine Wirkung auf andere. Das können wunderschöne, leider auch desillusionierende Momente sein. Seit längerer Zeit durfte ich mal wieder zweiteres erleben. Und was soll ich sagen – autsch, nicht schön. Eine schmerzhafte Erfahrung. Zu erkennen, dass ich mich nach wie vor hinter meinem Verstand verstecke und meine Emotionen nur bedingt nach außen transportiere, tut weh. Ich hatte gedacht ich wäre weiter. Ich hatte angenommen, ich würde inzwischen offener durch diese Welt und auf Menschen zu gehen. Aber ich scheine nach wie vor hinter einer Glasscheibe zu sitzen, zu beobachten, Schlüsse zu ziehen sowie diese kühl und abgeklärt kundzutun. Wie immer eigentlich. Scheiße!


Meine frühere Reaktion auf solche Botschaften wäre Verletzung gewesen. Verletzung in Bezug auf den oder die Überbringer*in. Statt mich mit dem Inhalt auseinanderzusetzen, hätte ich den Schmerz, den diese Botschaft ausgelöst hat, auf die Person projiziert und mich zutiefst gekränkt gefühlt. Wahrscheinlich hätte ich noch etwas in Selbstmitleid gebadet, wie Menschen nur immer wieder so gemein zu mir sein können und es mir in meiner Opferrolle häuslich eingerichtet. So einfach, so melodramatisch. Ich liebte das Drama. Natürlich hätte ich das niemals zugeben. Zum einen weil ich zu stolz und zum anderen, weil es war mir schlichtweg nicht bewusst war. Mein Empfinden war real. Ich fühlte mich tatsächlich verletzt, gekränkt und scheiße. Heute läuft das glücklicherweise ein wenig anders. Es ist nach wie vor nicht angenehm das ein oder andere Feedback zur eigenen Person zu hören. Aber statt in Selbstmitleid zu versinken, sehe ich es heute als Chance mich, aber auch die andere Person und deren Aussage kritisch zu hinterfragen.


"Ich liebte das Drama. Natürlich hätte ich das niemals zugeben. Zum einen weil ich zu stolz und zum anderen, weil es war mir schlichtweg nicht bewusst war. Mein Empfinden war real."

Statt mir blind den Schuh anzuziehen, schaue ich erstmal, von welcher Warte diese Person zu mir spricht. Handelt es sich um eine fremde Person? Handelt es sich um eine Person, dessen Meinung für mich etwas zählt? Handelt es sich um eine gewünschte oder ungefragte übergestülpte Meinung? Handelt es sich um eine bewusste und reflektierte Person? Kennt diese Person meine Geschichte bzw. hat sie einen Richtwert zu meiner Entwicklung? Und so weiter und so fort. Sollte unterm Strich herauskommen, dass mir die Meinung dieser Person wichtig ist, widme ich mich ihrem Inhalt. Vorher nicht. Ich gebe nicht mehr jeder*m die Macht, einfach so, ohne meine Erlaubnis, seine oder ihre Meinung über mir auszuleeren. Denn es ist deren Meinung. Und deshalb noch lange nicht meine.


"Ich gebe nicht mehr jeder*m die Macht, einfach so, ohne meine Erlaubnis, seine oder ihre Meinung über mir auszuleeren."

Dennoch halte ich es für wichtig die eigene Wahrnehmung hin und wieder kritisch zu hinterfragen. Mir persönlich hilft es dabei ungemein mein Fremdbild von Menschen einzuholen, die ich schätze und die ich für bewusst und reflektiert halte. Auch fahre ich gerne einen Mix aus der Meinung von Menschen, die mich länger, weniger lang, näher, weniger nah kennen. Ein schöner Mix aus liebevoller Betriebsblindheit und frischem, unverbrauchten Blick. Da habe ich zumindest das Gefühl ein recht umfassendes Bild meiner Außenwirkung abzugrasen. Wie wirke ich auf diese Menschen? Was sehen sie in mir, was ich ggf. nicht sehe? Welche Gefühle löse ich in ihnen aus?


Was tun, wenn das Feedback, das dir eine geschätzte Person gibt, nicht das ist, das du erwartet, geschweige denn dir erhofft hast? Zugegebenermaßen erst mal nicht so geil. Das ist die Krux mit dem Einholen von Feedback. Und dann wäre da noch die Misere mit den Erwartungen. Ja, auch ich meine ich würde größtenteils erwartungsfrei an die Sache herangehen. Nun ja, ist dann halt doch so... Ja, das ist dezent selbst-ironisch gemeint. Deshalb machen’s wahrscheinlich auch so viele nicht. Nur so eine Vermutung.


"Und dann wäre da noch die Misere mit den Erwartungen. Ja, auch ich meine ich würde größtenteils erwartungsfrei an die Sache herangehen. Nun ja, ist dann halt doch so..."

Zurück zum Thema. Zuerst versuche ich zu verstehen, was überhaupt gesagt wurde. Die Sachebene laut Schulz von Thun. Hilfreich war, dass mein Gegenüber so reflektiert und bewusst ist, dass es nicht viel Raum für Interpretation gab. Die Eigenschaft „abgeklärt“ kann alles Mögliche bedeuten. Aber ich erhielt die Definition gleich mit, was besagte Person darunter versteht. An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an alle Menschen, die in der Lage sind, konstruktives Feedback zu geben. Das macht mir und wahrscheinlich einer Menge Menschen das Leben um ein Vielfaches einfacher. Leider steckte ich nach diesem ersten Schritt fest. Der Schmerz darüber, dass ich trotz all der Arbeit nach wie vor eine gewisse Kälte und Sachlichkeit ausstrahle, hat mich tief getroffen. Nicht, weil ich an Sachlichkeit und Distanziertheit prinzipiell etwas Schlechtes finde. Im Gegenteil, ich halte diese Attribute in vielen Situationen für durchaus hilfreich. Aber sie sollten nicht meiner Werkseinstellung entsprechen. Ich möchte mit einer gewissen Grundverletzlichkeit und offenem Herzen durch die Welt gehen, und erst dann auf Distanz schalten, wenn es die Situation verlangt. Nicht umgekehrt.


Also was tun, wenn man gerade einfach nicht weiterkommt und sich beschissen fühlt? Ja, den Herzmenschen deiner Wahl anrufen, Fragen, ob er oder sie gerade Zeit hat und bereit ist sich deinen Mist anzuhören. Bei einem Ja, ungeschminkt blankziehen. Erfordert etwas Mut und die richtigen Menschen, aber ist so verdammt heilsam. Diese(r) Mensch(en), der aufmerksam zuhört, der die ein oder andere ggf. unangenehme, aber wichtige Rückfrage stellt und dir dann deinen Kopf liebevoll wieder zurechtrückt, ist unbezahlbar. Dieser Mensch hat mich an vieles erinnert, was ich bereits weiß, nur im aktuellen emotionalen Strudel unterging. Er hat mir geholfen mich daran zu erinnern, wo ich herkomme, in welcher Dunkelheit ich gestartet bin und ich mich inzwischen auf der Sonnenseite des Lebens befinde. Auch wenn ich noch nicht da bin, wo ich gerne wäre. Er hat mir geholfen mir in Erinnerung zu rufen, dass Menschen eigene Wünsche und Erwartungen haben, auch an mich und im Umgang mit mir. Dass es Menschen gibt, die mich, meine Geschichte und meinen Weg nicht kennen, den ich bis hierher gegangen bin. Dass Menschen ihre eigene Perspektive auf die Welt haben, die ggf. nicht mit meiner übereinstimmt. Dass Menschen in andere Menschen hineinprojizieren, was sie ggf. selbst gerne wären, hätten oder täten, nur selbst (noch) nicht dazu in der Lage sind. Dass wir das alle tun, weil wir genau das sind – Menschen.


"Dass Menschen in andere Menschen hineinprojizieren, was sie ggf. selbst gerne wären, hätten oder täten, nur selbst (noch) nicht dazu in der Lage sind. Dass wir das alle tun, weil wir genau das sind – Menschen."

Dank dieser Impulse konnte ich einen Schritt aus meiner emotionalen Schwermütigkeit heraustreten und mir die Sache in Ruhe anschauen. Ja, ich bin abgeklärt. Was nichts anderes bedeutet, als dass ich beobachte, meine Schlüsse ziehe, mir eine klare Meinung und hinter ihr stehe. Ich bin aber auch gefühlvoll, weich, sanft, weiblich, liebevoll, unsicher, schwach, kraftlos, müde, deprimiert, traurig, ängstlich, wütend, stark, kraftvoll, energiegeladen, willensstark, sturköpfig, eigensinnig, orientierungslos, inspirierend, kreativ, wegweisend, verfahren, tollpatschig, wehmütig und vieles mehr. Ich bin multidimensional. Und ich möchte nicht weiter hinter einem Plexiglasschild mit gezogener Waffe und angezogener Handbremse durchs Leben gehen. Gefühlt tue ich das auch schon lange nicht mehr. Nur meine Energie scheint das aktuell noch nicht abzubilden. Als würde hier noch das alte Programm laufen. Natürlich kann besagte Person nicht wissen, wie sehr ich mich bereits geöffnet habe im Vergleich zu früher, da sie mein „früher“ nicht kennt. Da es aber mein Ziel ist auch von Menschen, die ich neu kennenlerne, nicht als kühle Festung wahrgenommen zu werden, sehe ich hier noch eine Menge Wachstumspotential.


Es wird Zeit meine frei gewählte Bubble des Allein- & in-mich-gekehrt-Seins hinter mir zu lassen und alles, was ich über mich erfahren habe, während ich in meinem Elfenbeinturm saß, der Praxis zu unterziehen. Anders formuliert, es wird Zeit wieder wirklich zu leben. Ich freue mich auf all die wundervollen Momente, die vielen Abenteuer, die neuen Erfahrungen, die Schönheit in jedem Augenblick und die vielen Formen von Liebe. Leben, ich bin wieder im Spiel!


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